Projekt · Architektur · Bachelorthesis · TU Braunschweig 2017/18
01Projektdetail

Erinnerung als räumliche Eskalation

Erinnerungsdenkmal an die Tötung Benno Ohnesorgs, Berlin 1967

EntwurfRaumdramaturgieErinnerungCorten · Beton

Das Denkmal übersetzt den historischen Ablauf des 2. Juni 1967 in eine sequenzielle Raumdramaturgie nach dem Freytag-Schema. Fünf Akte führen den Besucher von der Enge des Eingangs bis zum Raum der Stille — Architektur als körperlich erfahrbare Erzählung.

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StatusEntwurf
KontextBachelorthesis TU Braunschweig
Jahr2017/18
BetreuungProf. Matthias Karch
SystemtypRaumdramaturgie
ArtefaktePläne · Schnitte · Renderings
MaterialCorten · Beton · Licht
LageKrumme Strasse, Berlin
01Überblick
Abstract

Erinnerung als räumliche Eskalation übersetzt den historischen Ablauf des 2. Juni 1967 in eine fünfaktige Raumdramaturgie. Das Denkmal ist in den Sockel eines aufgeständerten Wohngebäudes an der Krummen Strasse eingeschrieben und führt vier Ebenen in den Hinterhof hinab. Corten, Beton und gezielt eingesetztes Licht erzeugen Annäherung, Verdichtung, Konfrontation und Reflexion — Architektur als körperlich erfahrbare Erzählung eines historischen Moments.

ABB. 01 · Eingang «Leberwurst»FigurePlate · Rendering
ABB. 01 · Eingang «Leberwurst»
Aussenansicht Eingang unter dem Bestandsgebäude. Cortenstahllamellen, zwei Figuren. Akt I der Raumdramaturgie.
02Kontext

2. Juni 1967

Am 2. Juni 1967 wurde der 26-jährige Student Benno Ohnesorg im Hinterhof der Krummen Strasse 66/67 in Westberlin erschossen. Der Schütze war Polizeibeamter Karl-Heinz Kurras, der Jahre später als inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit enttarnt wurde.

Das Projekt setzt sich nicht mit der Repräsentation dieses Ereignisses auseinander, sondern mit dessen räumlicher Übersetzbarkeit. Im Zentrum steht die Frage: Wie kann ein Moment der Eskalation architektonisch erfahrbar gemacht werden?

ABB. 02 · ZeitlinieFigurePlate · Analyse
ABB. 02 · Zeitlinie
Zeitlinie des 2. Juni 1967 — Akteure und Ereignisse in chronologischer Abfolge.
03Konzept

Freytag-Schema als räumliche Methode

Vor jeder Entwurfsentscheidung stand die Analyse. Der Ablauf des 2. Juni 1967 folgt einer erschreckend präzisen Dramaturgie, die sich direkt auf das klassische Freytag-Schema eines fünfaktigen Dramas übertragen lässt. Diese Struktur ist nicht literarisch gemeint, sondern methodisch. Sie bestimmt die räumliche Organisation des Denkmals vollständig.

Ein Besucher schreitet durch das Gebäude so, wie man unweigerlich durch die Zeit schreitet. Die Bewegung durch die Architektur ist das Erleben eines Ereignisstranges.

ABB. 03 · Freytag-SchemaFigurePlate · Konzeptdiagramm
ABB. 03 · Freytag-Schema
Freytag-Schema mit den fünf Akten des historischen Ereignisses vom 2. Juni 1967 — Zeitangaben und Ereignisse eingetragen. Methodische Grundlage der räumlichen Organisation.
04Raumsequenz

Einschreibung in den Bestand

Das Denkmal ist in den Sockel des bestehenden aufgeständerten Wohngebäudes an der Krummen Strasse eingeschrieben und führt von dort in vier Ebenen unterirdisch in den Hinterhof hinein. Der Abstieg ist die Metapher: Man vergräbt sich in das Ereignis.

ABB. 04 · Lageplan ErdgeschossFigurePlate · Plan
ABB. 04 · Lageplan Erdgeschoss
Lageplan Erdgeschoss M 1:100. Einbettung in Bestandsgebäude und Kontext Krumme Strasse, Berlin.
ABB. 05 · LängstschnittFigurePlate · Schnitt
ABB. 05 · Längstschnitt
Längstschnitt: Abstieg nach unten sichtbar. Bestandsgebäude und neuer Baukörper im Verhältnis.
ABB. 06 · QuerschnittFigurePlate · Schnitt
ABB. 06 · Querschnitt
Querschnitt durch das Denkmal. Vier Untergeschossebenen auf Kotenhöhen −3.40 / −6.30 / −9.20.
ABB. 07 · Grundrisse UG 01–04FigurePlate · Pläne
Grundriss UG 01

UG 01

Grundriss UG 02

UG 02

Grundriss UG 03

UG 03

Grundriss UG 04

UG 04

Grundrisse UG 01–04 — Abstieg und Verdichtung über vier Ebenen. Mit jeder Ebene nimmt die Grundrissfläche ab.
05Fünf Akte

Annäherung, Verdichtung, Konfrontation

Akt I

Eingang «Leberwurst»

Der Besucher betritt das Denkmal durch die Pilotiszone des Bestandsgebäudes. Dichte Cortenstahllamellen füllen den Durchgang. Der Raum ist so eng, dass man sich seitlich hindurchzwängen muss. Die Beengtheit ist keine Unannehmlichkeit — sie ist das Programm. So eng standen die Demonstranten auf dem Gehweg vor der Deutschen Oper.

Akt II

Foyer und Labyrinth

Auf den unteren Ebenen beginnt die steigende Handlung. Raumfolgen werden enger, Blickbeziehungen fragmentieren sich. Viele Richtungswechsel führen unweigerlich zu einem Ziel, verdecken aber zugleich die Sicht. Die Hetzjagd durch die Krumme Strasse wird räumlich erfahrbar.

Akt III

Der Todesraum

Man kommt urplötzlich an — unter jenem Ort, an dem Benno Ohnesorg tot zu Boden fiel. Drei Cortenstahlscheiben schweben wie ein Damoklesschwert über dem Boden. Ein Glaselement liegt im Boden. Man kann die Fläche betreten, aber es erfordert Überwindung. Auf politische Symbolik wird bewusst verzichtet.

Akt IV

Freitreppe

Durch das erlebte Labyrinth verlässt man den Todesraum. Der Weg zurück ist unnötig lang, wie die Irrfahrt des Krankenwagens mit Benno Ohnesorgs lebloser Hülle durch Berlin. An der Freitreppe betrachtet man ein letztes Mal die Rückwand des Todesraums.

Akt V

Raum der Stille

Dunkelheit. Ein einziger horizontaler Lichtschlitz in der Wand. Der Raum symbolisiert die Vertuschungsversuche. Der Schlitz steht für die Erkenntnisse, die langsam ans Tageslicht kommen. Der Besucher wird angehalten, der Wahrheit nachzugehen.

ABB. 08 · Akt III — Der TodesraumFigurePlate · Rendering
ABB. 08 · Akt III — Der Todesraum
Todesraum: Schwebende Cortenplatten, roter Lichtpunkt im Boden, zwei Figuren. Rendering 2025.
ABB. 09 · Akt V — Raum der StilleFigurePlate · Rendering
ABB. 09 · Akt V — Raum der Stille
Raum der Stille: Dunkelheit, horizontaler Lichtschlitz. Der Schlitz steht für Erkenntnisse, die langsam ans Tageslicht kommen. Rendering 2025.
ABB. 10 · Vergleich: Original und KI-AufbereitungFigurePlate · Vergleich
Originalrendering TU Braunschweig 2017/18

Originalrendering — TU Braunschweig 2017/18

KI-Aufbereitung 2026

KI-Aufbereitung — 2026

Direkter Vergleich: Gleiche Raumsequenz, unterschiedliche Darstellungsmittel. Entwurf und Raumlogik unverändert.
ABB. 11 · ExplosionsisometrieFigurePlate · Diagramm
ABB. 11 · Explosionsisometrie
Explosionsisometrie — alle Ebenen des Denkmals in räumlicher Auflösung. Vier Untergeschosse und Einbettung in den Bestand.
06Materialität & Atmosphäre

Corten rostet. Es dokumentiert die Zeit.

Corten altert sichtbar und dokumentiert die Zeit, die seit dem Ereignis vergangen ist. Die Oberfläche ist uneben, schwer, dunkel. Beton ist das Material des Nachkriegsberlins. Die neuen Bauteile greifen dasselbe Material auf — aber dunkler, roher, gewichtiger.

Licht wird nicht als Ausleuchtung verstanden, sondern als dramaturgisches Werkzeug: gefiltert, gerichtet, teilweise entzogen. Es kommt nie von oben, nie vollständig, nie beruhigend. Licht ist in diesem Denkmal immer etwas, das man suchen muss.

07Verbindungen

Arbeitsfelder

  • Raumdramaturgie
  • Erinnerungsarchitektur
  • Sequenzbasierter Entwurf
  • Atmosphäre & Materialität

Prinzipien

  • Sequenz vor Form
  • Körper vor Symbol
  • Zeitliche Logik vor gestalterischer Geste